Mein erstes “Alterszipperlein” – Schwerhörigkeit
6. November 2009 von Sheeva
Es begann vor etwa drei Jahren. Wir gingen mit den Hunden am Flussufer über eine grosse Wiese, als mein Mann plötzlich sagte: „Die Grillen machen heute aber mächtig Krach.“
Ich sagte nichts, weil ich ihm nicht so recht folgen konnte. – - – „ Meinst Du nicht?“
Ich schaute ihn an und musste zugeben: „Ich höre sie nicht.“
Das war ein ziemlich merkwürdiges Gefühl.
Ich war in diesem Jahr schon mal bei meinem HNO gewesen, weil ich einen beidseitigen Tinitus habe, der nicht weggehen wollte und das auch nicht mehr tun wird, wie ich erfahren habe. Ich hatte zu lange gewartet. Bei diesem Besuch wurde auch ein Hörtest gemacht, bei dem sich herausstellte, dass mein Hörvermögen ein wenig schlechter war, als für mein Alter angemessen war.
Das war dann wohl die Rechnung für meine Leidenschaft als Teenager in der Disco immer vor den grossen Boxen zu stehen.
Aber ich konnte gut mit dem Ohrengeräusch umgehen und es stört mich nicht wirklich.
In den folgenden Jahren häuften sich die Situationen, in denen ich von meinen Söhnen, meinem Mann oder auch Arbeitskollegen auf Geräusche aufmerksam gemacht wurde, die ich einfach nicht gehört hatte. Das Piepsen der Waschmaschine, eine Meldung im Radio, die Türklingel, wenn die Wohnzimmertüre geschlossen war. Und immer häufiger mussten meine Mitmenschen wiederholen, was sie gesagt hatten, weil ich sie nicht verstanden hatte.
Meine Mutter bekam zwischenzeitlich ihr Hörgerät und erzählte mir immer davon.
Aber sie ist ja auch deutlich älter als ich, sodass ich niemals für mich ein Hörgerät in Erwägung gezogen habe. Das waren für mich zwei völlig verschiedene Paar Schuhe.
Dann kam der Tag in diesem Jahr, als wir uns einen gemütlichen Abend vor dem Fernseher machen wollten. Diesen Fernseher haben wir dieses Jahr neu gekauft und ich verstand endlich auch wieder, was gesprochen wurde, weil das Teil gegenüber dem alten Gerät einen superguten Klang hat.
Bis zu diesem Abend. Wir hatten uns einen Batman Film geliehen. Wer die Filme kennt, weiss, dass dort meist eine düstere Atmosphäre herrscht und vor allem die Hauptcharaktere sehr dunkel sprechen.
Dieser Film hätte für mich auch in Suaheli synchronisiert sein können, denn verstanden habe ich so gut wie gar nichts. Auch lauter machen hat nicht wirklich was genützt, sodass sich der gemütliche Abend für mich zu einem Frustabend entwickelte.
Am darauffolgenden Montag machte ich einen Termin bei meinem HNO.
Die verschiedenen Hörtests ergaben, dass ich eine beidseitige, irreperable Schädigung des Innenohres habe und die Kurve ging runter bis 70, was wohl bedeutet, dass mein Hörvermögen ziemlich eingeschränkt ist. Ich habe keine Ahnung von medizinischen Dingen und ersparte mir hier die Details.
Was ich aber verstanden habe, war die Kopfzeile auf dem Bogen, den ich mitbekam:
„Verordung über eine Hörhilfe“!
Ich sollte zwei Hörgeräte bekommen. Prothesen, Ersatzteile. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich habe nie wirklich Probleme mit meinem Alter gehabt. Das hat man nun mal und ich finde, es ist völlig egal, was im Pass steht, solange man aufgeschlossen bleibt und fit ist. Tja, und jetzt sollte ich mit 46 Jahren Hörgeräte bekommen.
Das Loch, in das ich fiel war schon ziemlich tief, aber es nutzte ja nichts und so schleppte ich meinen Mann am nächsten Samstag mit, zu einem Hörgeräteakustiker.
Ich hatte unglaubliches Glück. Der Mann dort war wirklich nett und wir hatten den Eindruck, dass ich bei ihm in guten Händen bin. Er zeigte mir die ganze Pallette an Hörgeräten und als ich meine anfängliche Abneigung überwunden hatte, stellte ich fest, dass sich in Sachen Design einiges getan hatte, seit der Zeit, wo ich das letzte Hörgerät gesehen hatte. Vor etwa 20 Jahren.
Ein kleines Gerät mit hübschem Tribalmuster weckte schiesslich mein Interesse und ich konnte mir sogar vorstellen, es an mir zu haben.
Ich durfte verschiedene Geräte ausprobieren und sie unentgeltlich über eine gewisse Zeit Probe tragen.
Manche Preise liessen mich mit den Ohren schlackern. Die waren teurer als mein Auto. (Kleinwagen
) .
Aber die ganze Rumprobiererei über ca. 2 Monate, trug Früchte. Nach meinem anfänglichen Schock hatte ich nun: „Faszination Technik“ . Nichts war mit Rauschen und Pfeifen. Ich hörte Dinge, von denen ich vergessen hatte, dass es sie gab. Ich konnte wieder an den Gesprächen in unserem Kaffeeraum teilnehmen – auch über vier Tische hinweg. Selbst ein Theaterbesuch, bei dem wir mitten im Raum sassen, machte wieder Spass, weil ich verstehen konnte, was gesprochen wurde.
Diese kleinen Dinger hinter meinen Ohren kann man so einstellen, dass sie wirklich nur die Töne, die meine Ohren nicht mehr hinkriegen, verstärken und mit ziemlich normalem Klang einfach in meine normale Hörfähigkeit einfügen.
Mit dem heutigen Tag ist meine Testphase beendet und ich habe meine eigenen kleinen „Helferlein“ in einer mir angenehmen Farbe abgeholt. Dieses “stützstrumpfbeige” ging garnicht
.
Ich freue mich mittlerweile daran, dass ich mit Hilfe der Technik wieder fast normal höre und ich habe mir schon die Nachfolgeräte für in sechs Jahren ausgesucht. In knatschbunt!
Ich hoffe, dass sie dann erschwinglicher werden.
Aber bis dahin vergehen noch einige Sommer, in denen ich wieder die Grillen hören kann.
Warum ich das hier auf unsere HP schreibe?
Weil es mich beschäftigt!
Weil ich mir vorstellen kann, dass es viele Menschen gibt, die sich ähnlich schwer tun wie ich, wenn ihnen plötzlich gesagt wird, dass sie nun behindert oder eingeschränkt sind. Weil ich zeigen möchte, dass auch eine zunächst schlechte Nachricht mit der Änderung der Sichtweise auch akzeptiert werden kann.
Ich finde meine Schwerhörigkeit immer noch doof. – Aber ich muss nicht mehr schwerhörig sein, wegen zweier 2cm langen Teilen, die versteckt hinter meinem Ohr sitzen.

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